Wer verstehen möchte, warum die chinesischen Hersteller im Moment so erfolgreich sind, sollte nicht nur auf die Fahrzeuge schauen.
Man sollte auf die Geschwindigkeit schauen.
BYD hat in Deutschland seine erste kommerzielle Flash-Charging-Station eröffnet. Das klingt zunächst nach einer weiteren Schnellladesäule. Tatsächlich steckt dahinter aber viel mehr.
Die neue Generation der BYD-Ladetechnik liefert bis zu 1.500 kW Ladeleistung. Während viele europäische Hersteller noch darüber diskutieren, wie man Ladezeiten von 20 auf 15 Minuten reduziert, spricht BYD bereits davon, kompatible Fahrzeuge in fünf Minuten von 10 auf 70 Prozent zu laden.
Fünf Minuten. Das ist ungefähr die Zeit, die man benötigt, um sich an einer Raststätte einen Kaffee zu holen.
Noch beeindruckender ist aber nicht die Technik selbst. Beeindruckend ist die Geschwindigkeit, mit der sie ausgerollt wird.
Bis Ende 2026 will BYD allein in Europa 3.000 Hochleistungslader errichten. Weltweit sollen außerhalb Chinas sogar 6.000 Standorte entstehen. Gleichzeitig betreibt das Unternehmen in China bereits mehr als 6.100 Flash-Charging-Stationen in über 300 Städten.
Das ist China Speed
In Europa diskutieren wir häufig darüber, ob etwas möglich ist.
In China wird es einfach gemacht.
Während hierzulande Genehmigungen, Ausschreibungen, Zuständigkeiten und politische Diskussionen oft Jahre dauern, bauen chinesische Unternehmen Infrastruktur, entwickeln neue Technologien und bringen sie innerhalb kürzester Zeit in den Markt.
Genau das meine ich mit China Speed.
Und dieser Begriff beschreibt nicht nur Schnellladen. Er beschreibt eine Denkweise.
Eine Denkweise, bei der Entwicklung, Produktion, Markteinführung und Skalierung gleichzeitig stattfinden. Eine Denkweise, bei der Unternehmen bereit sind, massiv zu investieren, bevor der Wettbewerb überhaupt erkannt hat, dass sich der Markt verändert.
Die eigentliche Frage ist nicht, ob wir das könnten
Natürlich könnte Europa technisch ebenfalls 1.500-kW-Lader entwickeln.
Die viel wichtigere Frage lautet:
Würden wir überhaupt erkennen, dass wir sie bauen müssen?
Genau dort liegt das Problem.
Viele europäische Hersteller betrachten Elektromobilität noch immer als Weiterentwicklung des bestehenden Geschäftsmodells. Die chinesischen Hersteller betrachten sie als vollständigen Neustart der Mobilität.
Deshalb bauen sie nicht nur Autos. Sie bauen Ladeinfrastruktur. Sie bauen Vertriebsnetze. Sie bauen Serviceorganisationen. Sie bauen Softwareplattformen. Und sie bauen ganze Ökosysteme rund um ihre Fahrzeuge.
BYD baut nicht nur Autos. BYD baut ein System.
Genau darin liegt die eigentliche Gefahr für Europa.
Wer glaubt, der Wettbewerb werde künftig nur über Design, Reichweite oder Leasingraten entschieden, unterschätzt die Dynamik dieser Transformation gewaltig.
Die Automobilindustrie erlebt gerade die größte Veränderung seit der Einführung des Verbrennungsmotors. Und Veränderungen dieser Größenordnung werden selten von denen gewonnen, die am längsten erfolgreich waren.
Sie werden von denen gewonnen, die schneller lernen, schneller entscheiden und schneller handeln.
BYD liefert dafür aktuell ein Lehrbuchbeispiel.
Ob uns das gefällt oder nicht.
Europa muss jetzt aufwachen
Wenn Europa und insbesondere Deutschland nicht lernen, mit diesem Tempo mitzuhalten, könnte die nächste Dekade für große Teile unserer Automobilindustrie sehr unangenehm werden.
Noch haben wir alle Chancen.
Aber die Zeitfenster werden kleiner.
Und die Chinesen werden nicht langsamer.