Ferrari baut Elektroautos. Das war nur eine Frage der Zeit.
Dass Ferrari irgendwann den Schritt in die Elektromobilität gehen würde, überrascht niemanden. Die Zukunft des Automobils wird elektrisch sein. Doch was Ferrari jetzt mit dem neuen Luce präsentiert hat, sorgt bei mir nicht für Begeisterung, sondern für Kopfschütteln. Und zwar gewaltig.
Wenn Kritiker beim Cybertruck behauptet haben, ein Dreijähriger habe ihn gezeichnet, dann stellt sich beim Ferrari Luce die Frage, wofür man in Maranello eigentlich ein Heer hochbezahlter Designer beschäftigt. Herausgekommen ist kein emotionaler Ferrari, kein Traumwagen, kein Fahrzeug, das man auf den ersten Blick erkennt und begehrt.
Herausgekommen ist ein Elektroauto, das wirkt, als hätte man Ferrari-Logos auf ein beliebiges Konzeptfahrzeug geklebt.
Ferrari verliert seine Identität
Das Problem ist dabei nicht die Elektrotechnik. Im Gegenteil.
Vier Elektromotoren, über 1.000 PS, eine 800-Volt-Architektur, mehr als 530 Kilometer Reichweite und eine Höchstgeschwindigkeit von 310 km/h zeigen, dass Ferrari durchaus in der Lage ist, ein leistungsfähiges Elektrofahrzeug zu entwickeln.
Aber Ferrari war nie nur Technik. Ferrari war immer Emotion. Ferrari war immer Leidenschaft. Ferrari war immer das Auto, bei dem man sich umdreht, wenn es vorbeifährt.
Genau dieser Effekt fehlt beim Luce vollständig. Wer das Fahrzeug sieht, erkennt kaum noch die DNA einer Marke, die Ikonen wie den F40, den Enzo, den 458 Italia oder den LaFerrari hervorgebracht hat.
Luca di Montezemolo bringt es auf den Punkt
Besonders bemerkenswert ist die Kritik von Luca di Montezemolo. Der ehemalige Ferrari-Präsident gilt bis heute als eine der prägendsten Persönlichkeiten der Unternehmensgeschichte. Seine Aussage, man solle das Ferrari-Logo von diesem Fahrzeug entfernen, spricht Bände.
Und ehrlich gesagt: Ich kann seine Reaktion nachvollziehen.
Natürlich müssen sich Marken weiterentwickeln. Natürlich darf Design modern werden. Aber Weiterentwicklung bedeutet nicht, die eigene Identität aufzugeben.
500.000 Euro für ein Auto ohne Charakter?
Noch schwerer nachvollziehbar wird das Ganze beim Blick auf den Preis. Rund 500.000 Euro soll der Luce kosten. Eine halbe Million Euro.
Für diesen Betrag erwarten Kunden etwas Besonderes. Etwas Einzigartiges. Etwas, das Emotionen auslöst.
Stattdessen bekommt man ein Fahrzeug, das viele Menschen auf den ersten Blick nicht einmal als Ferrari identifizieren würden. Das ist für eine Marke wie Ferrari ein gefährliches Signal.
Technisch stark – aber kein Klassenprimus
Ja, die technischen Daten lesen sich beeindruckend: über 1.000 PS, 800-Volt-Technologie und bis zu 350 kW Ladeleistung.
Doch genau hier beginnt das nächste Problem. 350 kW Ladeleistung waren vor wenigen Jahren noch eine Sensation. Heute gehören solche Werte bei modernen Premium-Elektrofahrzeugen längst zum guten Ton. Damit hebt sich Ferrari nicht mehr entscheidend vom Wettbewerb ab.
Der Luce ist technisch gut. Sehr gut sogar. Aber er definiert keine neue Benchmark.
Der Vergleich mit dem Tesla Roadster wird unangenehm
Besonders spannend wird der Vergleich mit dem angekündigten Tesla Roadster. Ja, Tesla hat den Roadster inzwischen zum Running Gag der Automobilbranche gemacht. Elon Musk hat die Vorstellung mehrfach verschoben und viele zweifeln inzwischen daran, wann das Fahrzeug tatsächlich erscheint.
Doch sollte der Roadster in der angekündigten Form auf den Markt kommen, könnte er für Ferrari zum Problem werden. Er soll deutlich günstiger sein als der Luce, gleichzeitig bei Beschleunigung, Performance und Reichweite mindestens auf Augenhöhe liegen oder diese sogar übertreffen.
Vor allem aber wirkt der Roadster wie ein Fahrzeug aus der Zukunft: futuristisch, radikal und emotional. Genau die Eigenschaften, die man von einem elektrischen Ferrari erwarten würde.
Der Luce hingegen wirkt erstaunlich beliebig.
Selbst günstigere Hersteller schaffen mehr Emotionen
Besonders bemerkenswert ist dabei, dass inzwischen sogar Hersteller wie Zeekr mit Fahrzeugen wie dem 001 beweisen, dass modernes Design auch emotional sein kann.
Natürlich spielt ein Zeekr preislich in einer völlig anderen Liga und kostet nur einen Bruchteil eines Ferrari. Aber genau das macht den Vergleich so unangenehm.
Denn wenn Designer bei einem Fahrzeug für einen Bruchteil des Preises mehr Begehrlichkeit erzeugen als bei einem 500.000-Euro-Ferrari, dann läuft irgendwo etwas gewaltig schief.
Technik allein reicht nicht
Hinzu kommt ein weiterer Punkt. Die Elektromobilität entscheidet sich längst nicht mehr ausschließlich über Leistung und Beschleunigung.
Software, Bedienung, Vernetzung, Ladeplanung und digitale Nutzererfahrung spielen eine immer größere Rolle. Genau dort haben Hersteller wie Tesla über viele Jahre enorme Erfahrung aufgebaut.
Ob Ferrari in diesen Bereichen tatsächlich auf Augenhöhe mitspielen kann, muss sich erst noch zeigen. 1.000 PS lassen sich entwickeln. Ein perfekt funktionierendes digitales Ökosystem nicht über Nacht.
Das gefährlichste Ferrari-Modell aller Zeiten?
Vielleicht wird der Luce ein Verkaufserfolg. Vielleicht verkaufen sich die ersten Produktionsjahre problemlos. Doch die entscheidende Frage lautet nicht, wie viele Fahrzeuge Ferrari ausliefert.
Die entscheidende Frage lautet: Was macht dieses Auto mit der Marke Ferrari?
Der Luce könnte als historischer Meilenstein in die Unternehmensgeschichte eingehen. Leider nicht unbedingt als positiver. Denn statt die Marke behutsam in das Elektrozeitalter zu führen, wirkt dieses Fahrzeug wie ein radikaler Bruch mit allem, wofür Ferrari jahrzehntelang stand.
Mein persönliches Fazit fällt deshalb eindeutig aus:
Der Ferrari Luce ist technisch beeindruckend, aber emotional eine Enttäuschung. Für mich wirkt er nicht wie die Zukunft von Ferrari, sondern wie ein Fahrzeug, das die Identität einer der größten Automobilmarken der Welt aufs Spiel setzt.
Und genau deshalb könnte der Luce am Ende nicht als Lichtgestalt in Erinnerung bleiben – sondern als die größte Fehlentscheidung der Ferrari-Geschichte.